Der November hat Sinn - Der "Trauermonat" hilft auf dem Weg nach Innen
(Hier handelt es sich um den bearbeiteten Artikdel "Buße braucht Muße" von Matthias Einwag im Fränkischen Tag vom 08.11.11, S. 7)
NOVEMBER Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag: Ist der elfte Monat wirklich so trist und traurig, wie es scheint? Zwei Theologen sagen, dass es durchaus Sinn habe, mit Stille und Leere umzugehen.
Der November ist der Monat, der auf der Beliebtheitsskala der meisten Menschen wohl ganz unten angesiedelt ist. Eingebettet zwischen dem goldenen Oktober und dem lichterglänzenden Dezember bietet der (meist) neblige November – trotz des Klimawandels – beim Ranking der Monate den geringsten Freizeitnutzwert.
Doch müssen wir immer aktiv, immer auf Achse sein? Oder hat es einen Sinn, im November kürzer zu treten und bewusst auf allzu viel Aktivität zu verzichten?
„Nach diesem komischen Halloween, das bei uns eigentlich keinen Sitz im Leben hat“, sagt Franziskanerpater Christoph Kreitmeir aus Vierzehnheiligen, trete Stille ein. Doch Handel und Wirtschaft seien bestrebt, den Konsum in Gang zu halten, weshalb sie alle Jahre wieder sehr zeitig Weihnachtsmänner, Lebkuchen und Christbäume in die Regale heben. Dazwischen liege derNovember, der Monat der Leere.
Mit dieser Leere könnten die meisten Menschen nichts anfangen, denn sie verbinden damit Endlichkeit und Tod. Doch gerade die scheinbare Leere des November sei aus menschlichen und therapeutischen Gründen wertvoll: „Es ist klasse, dass man diese Leere nicht abschaffen kann, denn so werden die Leute gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen“. Wer kann, der sollte diese Leere suchen und bewusst nutzen.

„Der November hat Sinn, es kommt nur darauf an, was wir daraus machen“, sagt Christoph Kreitmeir. Er persönlich sei dankbar, „dass es diesen Totenmonat gibt, weil ermich zwingt, mit diesem Thema Leere und Tod umzugehen“.
Der November biete Gelegenheit zum Innehalten, das permanente Werkeln einzustellen und z. B. das Surfen im Internet bewusster zu dosieren. Bei all der November-Grübelei helfe der Glaube: „Wenn es nach dem Tod nichts mehr gibt, macht es mir Angst – wenn ich als Christ ein ewiges Leben sehe, wird das anders.“ „Wir sollten bewusst lernen, Auszeiten zu nehmen, wo das möglich ist“, fährt er fort. In einer Zeit, in der überall Multitasking gefordert wird und in der das Burnout Syndrom mehr und mehr Menschen befällt, sei eine Entstressung notwendig. P. Christoph geht sogar so weit, das Monotasking (sich nur mit einer Sache) und sogar das Zerotasking , also das Nichtstun, zu empfehlen. Spazieren gehen, den Gedanken nachhängen, dem wirbelnden Laub nachschauen: „Wir sollten nicht immer Aktivismus an den Tag legen.“
„Wer immer nur gibt, immer nur online ist, dessen Speicher ist irgendwann leer“, sagt er. Der ruhige November könne helfen, sich neu zu orientieren. Dazu sollten wir lernen, Herren unserer Zeit zu werden. Das heißt nicht, sich beruflichen oder familiären Pflichten zu entziehen, sondern versklavende Angewohnheiten gezielt einzudämmen, um Zeit zu gewinnen und etwas im Leben anders zu machen.
„Wir Franziskaner beschäftigen uns in unseren Gottesdiensten im November mit der Endlichkeit, der Hoffnung, aber auch mit apokalyptischen Vorstellungen, die uns von den kirchlichen Texten vorgegeben werden."
Die „Oase“ des Trostes“ am Ende des Monats in der Basilika sei bewusst als Ritual zu sehen, als Hilfe für jeneMenschen, dieAngehörige verloren haben, diesen Schmerz zu verarbeiten: „Ein Ritual ist ein Geländer, an dem wir uns festhalten können.“
Die Feiern zum Volkstrauertag seien ebenfalls in diesemZusammenhang zu sehen und sollten nicht als Muss-Termine abgehakt werden. „Ich versuche, das zu personalisieren, indem ich versuche, mich hineinzudenken in die Soldaten“, sagt Christoph Kreitmeir. „Wir Franziskaner lesen im Konvent jeden Tag aus dem Totenbuch vor:Namen und Biographien.“ Das gebe den Toten eine Identität, auch wenn man sie persönlich nicht kannte.
Alle Jüngeren könnten dankbar sein, in eine Lebenszeit hinein geboren zu sein, die durch eine so lange Epoche des Friedens in Europa gekennzeichnet ist.
„Buße braucht Muße“, sagt der evangelische Kurseelsorger Helmuth Bautz. Um Freiraum dafür zu schaffen, dafür seien die Feier- und Gedenktage da. Das Problem unserer Event-Gesellschaft: „Wir machen alles zu einem Event und müssen es selbst ausgestalten.“ Die Option eines ritualisierten Feiertags könne da hilfreich sein, nicht immer selbst aktiv sein zumüssen.Viele Menschen seien getrieben, voller Unruhe. Mit der Anspannung umzugehen, mit diesem ständigen Kribbeln auf der Seele, müssten sie erst lernen.

„Hoffentlich haben sich die Volkstrauertagsreden in den vergangenen Jahren verändert“, sagt Pfarrer Bautz. Denn heute müsste das Thema „Europa“ ganz oben stehen: „Frieden ist kein Naturprodukt, das vom Baum fällt. Daran haben sich Generationen vor uns die Zähne ausgebissen.“ Vor dem Hintergrund der beiden Weltkriege sollte im Kontext dieser Reden heuer die Euro-Krise stehen: Was ist Wundervolles aus Europa geworden?
Schließlich biete ein solcher Tag immer die Möglichkeit, in zwei Richtungen zu denken. „Wer in die Vergangenheit schaut, sollte auch in die Zukunft blicken.“
Ökumene
Am Freitag, 25. November, um 19.00 Uhr, laden die Franziskaner von Vierzehnheiligen gemeinsam mit den Franziskusschwestern und der evangelisch- lutherischen Gemeinde Bad Staffelstein zur „Oase des Trostes“ in die Basilika ein. Hintergrund Allerseelen (katholisch) und Totensonntag (evangelisch) sind Tage im November, an denen die Gedanken vieler Menschen besonders intensiv bei denen weilen, die jahrelang ihr Leben geteilt haben und die Gott zu sich gerufen hat. Der Abschied tut weh und er verlangt nach heilenden Zeichen.
Zielgruppe Die „Oase des Trostes“ ist für Menschen gedacht, die gemeinsam ein Stück Weg der Erinnerung an ihre lieben Verstorbenen, einen Weg der Dankbarkeit und des Trostes gehen möchten. Geistliche Texte, die Begegnung mit dem Wort der Heiligen Schrift, Zeiten des Schweigens, Orgelmusik und das alles im großartigen Raum der Basilika begleiten die Teilnehmer auf ihrem gemeinsamen Weg. Ein Ritual in der Feier soll das Vertrauen stärken, dass die Verstorbenen in Gottes Händen ebenso geborgen sind wie sie es in den Herzen ihrer Angehörigen sind.














