(Hier handelt es sich um den etwas bearbeiteten Artikel von Matthias Einwag im Fränkischen Tag vom 24.12.11.)
Wir sprechen mit Generaloberin Sr. Christine und P. Bernhard in Vierzehnheiligen über die Bedeutung von Weihnachten in unserer Zeit. Das Schenken, sagen sie, hat durchaus Sinn, denn es sei ein Zeichen der Liebe.

An diesem Tag kurz vor Weihnachten ist es still im Mutterhaus der St. Franziskus-schwestern. Die Christbäume stehen zwar schon, sind aber noch nicht geschmückt, und das Bett aus Stroh in der Krippe ist noch leer. Wir sind mit der Generaloberin der St. Franziskusschwestern, Sr. Christine Köberlein, und mit dem Franziskanerpater Bernhard Braun verabredet, um mit ihnen über die heutige Bedeutung von Weihnachten zu sprechen. Wir wollen sie fragen, worin die Weihnachtsfreude für sie persönlich besteht, wie sie als Kinder Weihnachten erlebt haben und wie sich das Fest im Lauf der Jahrzehnte verändert hat. Auch wie wichtig das Schenken im weihnachtlichen Kontext ist, fragen wir die beiden.
Sr. Christine (65) ist in Obergreuth bei Bamberg aufgewachsen. Als sie Kind war, trugen die Fenster im Winter oft Eisblumen. Zusammen mit ihren Geschwistern schmückte sie den Platz um die Muttergottes. Jeder brachte Krippenfiguren dort hin – erst wurden die Schafe aus den Kartons geholt, dann die Hirten, schließlich Maria und Josef. Die Krippe wuchs langsam, bis am Heiligen Abend ein Engel kam und in einem Wägelchen das Christkind in die Krippe legte. Den Engel – weißes Kleid, goldener Schleier – spielte eines der älteren Kinder. Auch sie selber habe diesen Part im Alter von vielleicht 16 Jahren übernommen. Die Kinder wurden mit dem Geschehen nicht allein gelassen. Die Mutter erzählte dazu die Weihnachtsgeschichte, sie sprach davon, dass das Christkind in einem Stall im Wald geboren sei und nun zu den Menschen gebracht werde.
Am Abend seien dann alle mit Laternen zu Fuß durch Nacht und Schnee zur Mette gelaufen. Am ersten Feiertag gab’s klassischen Gänsebraten und natürlich viele Plätzchen. Am zweiten Feiertag wurde Besuch empfangen. Das dürfte heute in vielen Familien noch genauso sein.
P. Bernhard Braun (71) ist in Kleinostheim bei Aschaffenburg aufgewachsen. Es sei eine arme Zeit gewesen nach dem Krieg. Er erinnere sich an eine ruhige, entspannte Atmosphäre im Elternhaus, als man in der Küche um den Adventskranz versammelt war. Singend und betend schauten alle ins Kerzenlicht.
Die Kinder halfen der Mutter beim Plätzchenbacken, und aus der Küche duftete es besonders aromatisch. Am Heiligen Abend wurde der Ofen des Wohnzimmers angeschürt und das Kerzenlicht des Christbaums erstrahlte in der Dunkelheit. Auch wenn sich vieles seit der Nachkriegszeit geändert habe, sei der bestimmte Ritus des Heiligen Abends noch heute für ihn faszinierend.
Er erinnere sich lebhaft daran, wie sie als Kinder an die Geschenke herangeführt wurden. Eine aufpolierte kleine Dampfmaschine habe er einmal vom Onkel geschenkt bekommen und eine Eisenbahn zum Aufziehen. „Unsere Väter waren dabei und haben gemütlich Zigarren geraucht“, sagt er. „Gott sei Dank haben wir früher diese Hektik, wie sie heute vorherrscht, nicht zu spüren gekriegt.“
Vom Elternhaus zur Kirche hatte Bernhard Braun nur fünf Minuten Wegstrecke. Bei der Christmette beeindruckte ihn als Kind besonders die Schola. „Weihnachten ist ein Herzensfest, es besteht aus Liedern, Lichtern und Geborgenheit in der Stube“, fasst er zusammen. Es sei immer wundervoll, wenn man vom Dunkeln draußen in die hell erleuchtete Stube oder Kirche komme. Aber warum aber schenken wir an Weihnachten? „Weil wir von Gott beschenkt worden sind“, antwortet P. Bernhard, „ein Kind ist uns geschenkt, und die-se Freude wollen wir weitergeben“.
Sr. Christine ergänzt: „Geschenke haben einen Sinn: Weil Gott uns mit seinem Sohn beschenkt hat, wollen wir uns gegenseitig Freudemachen.“ Heute seien Geschenke leider manchmal eine gewisse Kompensation, fährt P. Bernhard fort, sie würden von Leuten, die für ihre Kinder zu wenig Zeit haben, als Liebesersatz gesehen. „Ein Geschenk ist so viel wert wie Liebe in ihm steckt“, sagt der Pater. Ein Geschenk sollte etwas Persönliches haben, es sollte gegenwärtig sein, also präsent. Und der Schenkende sollte beim Schenken persönlich einige Worte dazu sagen, warum er gerade dieses Präsent ausgewählt hat.
„Das Überraschen sei die Seele des Schenkens“, ergänzt er. Wer schenkt, mache Freude; er sollte beim Schenken dabei sein, jemanden besuchen, ihm Zeit schenken. Der materielle Wert des Geschenks sei dabei zweitrangig. Im Kloster, sagt Sr. Christine, darf man sich etwas wünschen. Etwas, das man brauchen kann, ein Fahrrad oder ein Buch. Als sie noch Oberin im Mutterhaus war, hatte sie die Wünsche von rund 60 Schwestern in Vierzehnheiligen zu erfüllen. Das Beschenken nahm so viel Zeit in Anspruch, dass man im Konvent beschloss, die Geschenke nicht am Heiligen Abend auszutauschen, sondern am vierten Advent.
„Das machen wir heute noch so“, sagt die Generaloberin. Die stille Zeit um Weihnachten sei allen sehr wertvoll für die innere Einkehr. Die Christbäume würden zwar in den Tagen vor Weihnachten aufgestellt, aber erst kurz vor dem Heiligen Abend geschmückt. Das habe eine gewisse Symbolik. Ähnlich wie die Lichter des Adventskranzes, die von Woche zu Woche mehr werden, um dann am Heiligen Abend vom leuchtenden Christbaum überstrahlt zu werden.
Sr. Christine und P. Bernhard sind auch einer Meinung, was das vorzeitige Singen von Weihnachtslieder betrifft. Diese Lieder hätten etwas Rituelles, das dem Heiligen Abend vorbehalten bleiben sollte: „Stille Nacht“ sollte man einfach nicht vor Weihnachten singen. „Es ist schön, wenn am Heiligen Abend nach einem gewissen Ritus vorgegangen wird“, sagt P. Bernhard. Das sei während seiner Kindheit so gewesen und das sei heute noch immer so – in den Familien und Kirchen.
Ein Satz von Bischof Franz Kamphaus beschäftige ihn, sagt P. Bernhard: „Mach’ s wie Gott, werde Mensch!“ Das Übel unserer Zeit sei, dass die meisten Menschen beruflich und/oder privat unter Druck stehen, dass sie im Job keine Schwächen zeigen dürften. „Seit Gott in Christus Mensch geworden ist, lohnt es sich, Mensch zu sein“, sagt er. Nicht umsonst habe Jesus gesagt: „Werdet wie die Kinder, dann werdet ihr den Himmelschauen.“ Kinder seien in vielerlei Hinsicht Vorbilder für die Erwachsenen: Sie könnten sich spontan freuen, hätten Vertrauen und lebten im Heute. Erwachsene hätten vieles davon verloren.
Gott habe Vertrauen in die Menschen. Das zeige er, indem er seinen Sohn zum Menschen werden lasse – zu einem Baby, das von Menschen abhängig sei, das umkommen würde, wenn sich niemand darum kümmerte. Die Menschwerdung Gottes sei somit metaphorisch gesehen eine Menschwerdung des Menschen.
Ein Geschenk, über das sich Schwester Christine besonders freute, ist eine schön gestaltete Kerze. Seit vielen Jahren entzündet sie diese stets an Weihnachten. P. Bernhard erinnert sich gern an eine Christmette, die er selber einmal in einer Kirche auf einem Berg hielt: Es war eiskalt, die Leute stapften durch den Schnee und ihr Atem kondensierte in der Luft. „Das hat tiefen Eindruck auf mich gemacht – diese dichte Atmosphäre, das ist Weihnachten.“














