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Die Geschichte

Mit Lichtgestalten unterwegs

Heiligenverehrung - Heiligsprechung - Heiligenerfahrung

Vortrag von Generalvikar Dr. Karl Hillenbrand in Vierzehnheiligen am Palmsonntag,1.4.2007


Vortrag: Mit Lichtgestalten unterwegs

In der Politik, im Sport, in der Medienwelt spricht man mitunter von "Lichtgestalten" . Gemeint sind Menschen, die durch Leistung und Ausstrahlung ganze Lebensbereiche prägen und oft - wenn auch nur kurzfristig - zu Idolen und Vorbildern werden.

Gibt es solche Lichtgestalten auch im Glauben? In gewisser Hinsicht ja. Die Heiligen erinnern uns daran, dass es viele Frauen und Männer mit Ausstrahlung gibt - aber, und hier liegt der Unterschied, nicht durch eigene Leistung. Sie werden deshalb zu Lichtgestalten, weil sie in ihrem Leben die Liebe Gottes zum Leuchten gebracht und so unsere Welt heller gemacht haben. Im Lauf der Glaubensgeschichte gab es unzählige Frauen und Männer, die sich als Christen bewährt haben und deren Lebenszeugnis uns auf verschiedenste Weise Mut machen kann, Herausforderungen anzunehmen und zu bestehen. Die Heiligen sind Wegbegleiter, die uns verlässliche Orientierung auf unser Lebensziel hin geben können. Heilige können ganz anschaulich machen, dass wir nicht ins Ungewisse gehen. Sie vermitteln die Einsicht: Zukunft zeigt sich für den Glaubenden darin, dass Gott auf uns zukommt. Diese Überzeugung lässt sich aber nur durch Zeugen vermitteln und anschaulich machen. Wir dürfen deshalb dankbar sein für die große Zahl solcher Zeugen, die in ihrem Leben und Sterben deutlich gemacht haben, wie Gemeinschaft mit Gott gelingt und sich in der Nachfolge Jesu bewährt. „Die Heiligen sind der wichtigste Kommentar zum Evangelium", sagt Hans-Urs von Balthasar.1 Das hört sich gut an und klingt überzeugend. Aber es ergeben sich auch Fragen, die vielen Zeitgenossen den Zugang zu diesen Lichtgestalten erschweren.

Kürzlich wurde ich von einer Frau angesprochen, die in unserer Bistumszeitung gelesen hatte, dass Papst Johannes Paul II. in seiner 26-jährigen Amtszeit mehr als 2000 Heilige und Selige proklamiert hat - mehr als alle Päpste vor ihm zusammen. Ist das nicht, so wurde ich gefragt, eine Inflation an Heilig- und Seligsprechungen, die niemand mehr überblickt? Und weiter: Maßt sich da die Kirche, vertreten durch den Papst, nicht die Sicherheit eines Urteils an, das eigentlich nur Gott zusteht? Und wie ist das speziell mit der Nothelferverehrung? Wird da nicht die Hoffnung auf Hilfe in Krisen und Krankheiten auf „außerirdische Mächte" gerichtet, anstatt selber aktiv zu werden? Ist diese Form der Frömmigkeit überholt?

Sicher haben Sie solche Fragen auch schon gestellt oder sind mit ihnen konfrontiert worden. Auf der Suche nach tragfähigen Antworten für heute möchte ich so vorgehen, dass ich zunächst einiges über die Entwicklung der Heiligenverehrung ganz allgemein sage, dann einige Überlegungen zur Heiligsprechung vortrage und schließlich am Beispiel der Nothelferverehrung auf die Heiligenerfahrung, also ihre Anrufung in Gebeten und bei Wallfahrten, zu sprechen komme. Meine Absicht ist es, scheinbar Vertrautes neu zu erschließen.

1. Heiligenverehrung
Es mag zunächst nützlich sein und dem besseren Verständnis dienen, wenn man einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung2 wirft. Dabei zeigen sich mehrere Etappen. Neben Maria als der Mutter des Herrn und den Aposteln waren es in der frühen Kirche vor allem die Märtyrer, die man als Heilige verehrte - Menschen, die in der Verfolgungszeit für den Glauben den Tod in Kauf genommen hatten. Nach dieser Periode setzte vor allem die Verehrung großer Bischofs- und Priestergestalten ein, die als Bekenner bezeichnet werden. Erst allmählich erfolgte eine Erweiterung bis hin etwa zu der Aussage Papst Pius XI., dass der Heiligentyp des 20. Jahrhunderts der Laie und der Verheiratete sein müsse. Genau diesen Gedanken wollte Papst Johannes Paul II. verwirklichen:Die Vielzahl seiner Heilig- und Seligsprechungen sollte die Bandbreite gelebten Glaubens aufzeigen und darüber hinaus die Erkenntnis fördern, dass Heiligkeit keine elitäre Angelegenheit darstellt, sondern aus allen Lebensumständen erwachsen kann. Betrachtet man einmal die vielen Heiligengestalten unter übergreifenden Gesichtspunkten, so zeigt sich, dass verschiedenste Glaubensprofile in ihren jeweiligen Epochen maßgebend waren: Mönche und Einsiedler oft in Krisen- und Verfallszeiten; Bischöfe und Herrschergestalten, auch Missionare in Zeiten des Aufbaus, Ordensgründer und Theologen in Zeiten der Kirchenerneuerung. Auch die Nothelferverehrung geht in ihrer intensiven Ausprägung am Ende des Mittelalters auf einen Umbruch in der Glaubenserfahrung zurück: Jesus wird nicht mehr als der ferne Weltenrichter gesehen, sondern als der Heiland, der uns nahe kommt und uns in den verschiedensten Nöten durch heilige Helfer zur Seite steht. Vom 18. Jahrhundert bis heute finden wir verstärkt Menschen, die ihre Gottesbeziehung mit der sozial-caritativen Dimension des Glaubens verbinden. In dieser Entwicklung kann man zum einen die Vielfalt eines gelebten Gottesbezuges sehen, der sich ja immer in den Fragen und Problemen der jeweiligen Zeit und niemals losgelöst von konkreten Umständen verwirklicht. Man darf dies andererseits jedoch nicht so verstehen, als ob ein "Heiligkeitstyp" nahtlos den anderen ablösen würde - aber es gibt doch so etwas wie ein zeitbedingtes Überwiegen bestimmter Glaubensvorbilder. Interessant ist, dass sich unter den Heiligen immer wieder auch solche Gestalten finden, die in ihrer Zeit durchaus unbequem waren, die aber aus ihrer Verbundenheit mit Jesus heraus, der seiner Kirche die Treue hält, ihr „Ja" zu konkreten Strukturen sagen konnten - nicht, weil sie bloß an der Kirche litten, sondern vielmehr mit ihr; auf diese Weise entstand echte Erneuerung. Insgesamt lässt sich sagen: Es gibt verschiedene Lebensweisen der Heiligkeit, mit unterschiedlichsten Ausprägungen. Alle werfen ein ganz bestimmtes Licht auf den Weg zu Jesus Christus; kein Typus verkörpert das Ganze. Letztlich wird es immer auch so sein, dass sich die unterschiedlichen Ausdrucksformen von Heiligkeit gegenseitig ergänzen.

2. Heiligsprechung
Es bleibt aber immer noch die Frage nach der Bedeutung einer offiziellen Heiligsprechung3 für den Glaubensvollzug des Christen. Zunächst mag geschichtlich interessant sein, dass es formelle, „amtliche“ Heiligsprechungen erst seit dem Mittelalter gibt; die Untersuchung über das Leben Elisabeths von Thüringen an deren Geburt vor 800 Jahren wir uns heuer erinnern, war einer der ersten Kanonisationsprozesse, die geführt wurden. Später kam es dann an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert zur Unterscheidung von Heilig- und Seligsprechungen: Heilige sind universialkirchlich bedeutende Glaubensgestalten, während Selige eher regional oder lokal verehrt werden. Aber die Frage war, ob sich die Kirche bei all dem nicht doch ein Urteil anmaßt, das ihr nicht zusteht. Für das erste ließe sich kurz und bündig sagen: Ein christliches Leben, das aus der Verbindung mit Gott heraus gelingt, hat immer Bedeutung für andere, ja für die ganze Kirche. Denn Glaube vollzieht sich zwar immer ganz persönlich, aber ist nie eine bloße "Privatangelegenheit" . Zum zweiten Problem könnte man mit Karl Rahner so argumentieren: Die Kirche und ihr Lehramt maßen sich bei der Heiligsprechung eines Menschen nicht etwa ein Recht an - die Kirche erfüllt dabei vielmehr die Pflicht, das Ankommen der Liebe Gottes zu verkünden und es konkret zu benennen. Denn sie darf nicht nur einen allgemeinen Heilswillen Gottes preisen, sie muss vielmehr im Blick auf bestimmte Menschen und ganz konkrete Lebensumstände sagen können: "Gott hat wirklich erlöst, er hat wirklich seinen Geist ausgegossen, er hat wirklich Machttaten an den Sündern getan, er hat in der Finsternis sein Licht aufleuchten lassen; es brennt, es ist an ganz konkreten Menschen zu sehen."4 Es geht mithin um die Aussage, dass sich Gnade wirklich ereignet. Heiligsprechungen sind deshalb zuallererst Aussagen über Gott, dessen Liebe Licht auf das Leben der Menschen wirft. Im Blick auf herausragende Lichtgestalten wird von der Kirche festgestellt: Es handelt sich wirklich um ein Lebenszeugnis, das auf diese oder jene Weise für andere den Zugang zu Gott eröffnet und verdeutlicht! Eine Heiligsprechung ist, wenn Sie so wollen, letztlich stets eine zeitbezogene Auslegung der Vater-unser-Bitte: „Geheiligt werde dein Name". Eine Heiligsprechung ist die Eröffnung eines neuen Weges mit ZieIangabe: Wer sich darauf einlässt, darf sicher sein, Gott zu begegnen! Die Vielfalt der dabei möglichen Wege zum einen Ziel schließt von vornherein aus, dass einer alle beschreiten kann; deshalb ist die Verehrung bestimmter Heiliger eine Möglichkeit und keine Verpflichtung - niemand wird gezwungen, bestimmte Gestalten zu verehren (wer kennt auch schon alle?). Aber er soll doch auch wissen - und darin liegt der offizielle, „amtliche" Charakter der Heiligsprechung - dass ihm Wegbegleiter zur Verfügung stehen, auf die er nicht einfach verzichten sollte. Damit sind wir aber bei der Frage nach dem „Umgang" mit den Heiligen, der Frage, wie wir sie im täglichen Leben erfahren. Am Beispiel der Nothelferverehrung möchte ich dazu im dritten Teil meines Vortrags einiges sagen.

3. Heiligenerfahrung
Bei meinen Gedanken zur Verehrung der 14 Nothelfer will ich nicht einfach das wiederholen, was andere schon besser gesagt oder geschrieben haben. Im Blick auf das geschichtliche Werden verweise ich auf die Arbeiten von P. Dominik Lutz OFM5 als Beispiel für neuere - vor allem auch psychologische - Zugänge mag der Name von P. Anselm Grün OSB6 stehen. Für mich ist die Nothelferverehrung der Testfall einer gelungenen Christusbeziehung, die durch die Heiligen amtlich wird. Das wird auch in der bildlichen Darstellung deutlich, in der die Heiligengestalten auf das Jesuskind in der Mitte hingeordnet sind. Ich sehe bei der Nothelferverehrung drei wichtige Perspektiven: Sie eröffnet einen Blick auf die Bandbreite gelebten Glaubens, sie zeigt die Bandbreite erlebter Nöte und macht die Bandbreite erfahrener Hilfe sichtbar.

a) Die Bandbreite gelebten Glaubens zeigt sich bei den vierzehn Nothelfern darin, dass gewissermaßen alle Formen christlicher Berufung vertreten sind: Laien genauso wie Bischöfe, Priester und Diakone, Alte und Junge. Es gibt viele Theorien, wie es zur „Gruppenbildung“ der Nothelfer und zur konkreten Zahl von 14 kam; das muss hier nicht weiter verfolgt werden. Entscheidend ist der dahinterstehende Grundgedanke: Heiligkeit ist kein indiertes Geschehen vor Gott, sondern führt zur Gemeinschaft im Glauben (wir sprechen ja theologisch auch immer von der Communio Sanctorum, der „Gemeinschaft der Heiligen“)7; Heiligkeit ist auch kein persönliches Privileg, sondern ein Geschenk zum Weitergeben. Und genau da setzt der Nothelfergedanke an: Ein gelungenes Leben aus dem Glauben, das sich in Herausforderungen bewährt und das seine Vollendung in Gott gefunden hat, ist immer auch eine ganz konkrete Hilfe in den Nöten späterer Zeit. Die Verbindung mit den Heiligen ist einerseits zeitbezogen und andererseits zeitlos: Zeitbezogen, weil sich ihr Leben immer unter ganz konkreten Umständen verwirklichte, aber genauso überzeitlich, weil jedes Leben von Gott in einem größeren Glaubenszusammenhang hineingestellt wird, der die Grenzen bestimmter Epochen überschreitet. Weil das Leben der Heiligen in seiner Vollendung durch Gott endgültig gelungen ist, hat es Gültigkeit für uns alle, von diesem Gemeinschaftsgedanken her ist auch das Wallfahren, so meine ich, mit die angemessenste Form der Nothelferverehrung, weil es in irdischer Entsprechung dieses „Miteinander“ in Form des gemeinsamen Unterwegsseins im Glauben deutlich werden lässt. So sind die Wallfahrten im besten Sinn des Wortes Bewegungsübungen im Glauben, „Exerzitien auf der Straße“, deren Bedeutung sicher für viele suchende Menschen noch zunehmen wird.

b) Die Nothelferverehrung steht aber auch für die Bandbreite erlebter Nöte. Man hat diesen Zugang zu manchen Zeiten sehr ausdifferenziert, indem man den Nothelfern eine Unzahl von Schutzfunktionen bei ganz bestimmten Krankheiten, Seuchen und Naturkatastrophen zuschrieb. Man darf unbefangen einräumen, dass dabei mitunter vor lauter Bäumen der Wald nicht mehr gesehen wurde und der Eindruck entstehen konnte, als ob die Nothelfer eine Art „himmlisches Regierungskabinett“ bildeten, in dem jeder seine Spezialressorts verwaltet. Gerade die ökumenische Diskussion über die Heiligenverehrung8 hat uns sensibel dafür gemacht, dass konkret erfahrene Lebenshilfe ihren letzten Grund immer darin hat, dass wir durch Jesus Christus erlöst sind. Aber seine Zuwendung kann auf menschlicher Ebene verschiedene Vermittlungsformen annehmen - je nach den Lebenssituationen; und so stehen die Nothelfer für exemplarische Nöte, die uns immer wieder betreffen: Gefährdung des persönlichen Lebens durch körperliche Krankheiten und seelisches Leid; Störungen in der Gemeinschaft wie der gefährdete Friede und Bedrohung der ganzen Schöpfung durch Naturkatastrophen. (Das macht z. B. auch die Entstehung der einzelnen Wallfahrten nach Vierzehnheiligen deutlich, soweit sie noch fassbar ist9: Anlässe sind solche Seuchen wie Unwetter oder auch Gelübde in persönlichen Nöten.) Die Suche nach Wegen, wie wir vom Glauben her solchen Herausforderungen begegnen können, verläuft aber nie anonym. Hilfe im Glauben erfahre ich vielmehr am besten durch persönliche Begegnung mit Glaubenszeugen, deren Leben sich selbst in Nöten bewährt hat, kann Hilfe bringen und Lichtblicke schenken, durch die ich mein Leben im großen Zusammenhang vor Gott sehe und neue Perspektiven gewinne.10 In diesem Gedanken liegt auch schon eine Erwiderung auf den manchmal erhobenen Vorwurf, die Anrufung der Nothelfer mache die Menschen passiv: Gerade im Blick auf ihre Glaubensbewährung wird Glaubenskraft freigesetzt, die es mir ermöglicht, individuelle und soziale Herausforderungen neu in den Blick zu nehmen und sie anzugehen.

c) Damit bin ich schon bei meinem dritten Gedanken: Die Nothelfer stehen auch für die Bandbreite erfahrener Hilfe. Sie zeigen nämlich in unterschiedlichster Weise, wie wir in einer uns oft verwundenden und verletzenden Welt einer heilenden Glaubensverbindung mit Jesus Christus finden können - einer der tiefsten und schönsten Christusbezeichnungen ist auch heute noch das Wort „Heiland“.11 Die Nothelfer weisen Wege zur Heilung im Glauben und machen deutlich, dass die solidarische Liebe Gottes, die in Jesus Christus Gestalt geworden ist, sich gerade in der Bedrohung des Lebens als stark und belastbar erweist: Sie kann uns zeigen, dass Halt in der Unsicherheit möglich ist (dafür steht etwa die Gestalt des Wegbegleiters Christophorus), dass wir als Christen Anwälte der bedrohten Schöpfung sind (dafür steht etwa Ägidius), dass die zerstörende Macht von Emotionen nicht die Oberhand behält (symbolisiert in Georg und Margareta), dass es Halt in Krankheit gibt (verkörpert durch Blasius), dass Orientierung in Glaubenskrisen möglich ist (dafür steht Dionysius, der den klaren Kopf auch dann noch behält, als man ihn enthauptet...), dass der Glauben auch Kraft in Zwängen und Einengung gibt (dafür steht Barbara), dass Christsein auch ideologischer Verwirrung standhält (das macht Katharina deutlich).

Entscheidend ist, dass durch all dies Zugänge der Nothelferverehrung jedes Mal ein Weg zur Heilung im Glauben gefunden und das Vertrauen auf Gott gestärkt wird. Gestatten Sie mir noch einige Schlussbemerkungen. Die Geschichte der Nothelferverehrung hat eine längere Entwicklung, bis sich die Zahl 14 herausbildet. Auch danach wurden in einzelnen Regionen immer wieder lokale Heilige zu dieser Gruppe hinzugezählt.12 Darin steckt ein tiefer Sinn - die Nothelfer sind keine geschlossene Gesellschaft, sondern offen für Mitwirkende. So ist es z. B. sinnvoll, die eigenen Namenspatrone in die persönliche Nothelferverehrung zu integrieren oder bei bisher nicht gekannten Herausforderungen nach neuen Nothelfern Ausschau zu halten, welche die bisherigen nicht verdrängten, sondern ergänzen: So sehe ich z. B. Edith Stein auf der Linie der hl. Katharina in der weltanschaulichen Auseinandersetzung oder Selige der sozialen Reform wie Adolph Kolping und Paul-Joseph Nardini in der zeitgemäßen Weiterführung von Ansätzen, die sich bei Blasius und Pantaleon zeigen. Der Kreis der Nothelfer lässt sich erweitern - denn dahinter steht die grundsätzliche Einsicht: Es gibt über die "offiziellen" Heiligen hinaus viele Helferinnen und Helfer im Glauben, die größeren Kreisen unbekannt sind und vielleicht "nur" - aber das wäre schon viel! - unser persönliches Leben in seiner Ausrichtung auf Jesus Christus als Vorbilder geprägt haben. Das können Eltern, Verwandte und Freunde sein. Auch von solchen Menschen dürfen wir glauben, dass sie über den Tod hinaus in die Gemeinschaft der Heiligen einbezogen und so mit uns verbunden sind. Denn Heiligsprechungen durch den Papst können immer nur exemplarisch und modellhaft deutlich machen, was in der Wirklichkeit in viel größerer Fülle vorhanden ist. Etwas von dieser Fülle macht ein Projekt deutlich, das bei uns in Deutschland vor Kurzem zum Abschluss kam: Im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2000 hat die Bischofskonferenz eine zweibändige Darstellung der katholischen Märtyrer des 20. Jahrhunderts erstellen lassen.13 Es enthält Lebensbeschreibungen von über 700 Männern und Frauen, die in unserer Zeit für den Glauben ihr Leben gelassen haben; ein Großteil davon unter der nazistischen oder kommunistischen Diktatur. Viele dieser Menschen waren fast schon vergessen oder nur noch wenigen bekannt; daraus wird deutlich: Heiligkeit beginnt und endet nicht mit der „offiziellen" Verehrung, so bedeutsam diese auch ist. Der neutestamentliche Sprachgebrauch kann noch an diese erweiterte Bedeutung erinnern, die unter "heilig" alle versteht, die zu Gott gehören - etwa wenn Paulus ganz unbefangen im Römer- und im ersten Korintherbrief wie auch bei anderen Gelegenheiten von den Gemeindemitgliedern aufgrund ihrer Berufung und ihres tätigen Zeugnisses als den "Heiligen" spricht (vgl. Röm 16,25 und 1 Kor 1,2).

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie für sich ganz persönlich immer wieder neu solche ,,Lichtgestalten" entdecken, nämlich Glaubenszeugen, durch die unser Leben hell wird und die uns in den Wechselfällen des Daseins verlässlich begleiten und die uns die tröstliche Einsicht vermitteln, dass Gottes Liebe uns auf vielen menschlichen Wegen erreicht. Die Verehrung der vierzehn Nothelfer bietet dafür ermutigende Beispiele - möge das auch in Zukunft so bleiben!

  • 1 M. Kehl - W. Löser (Hrsg.): In der Fülle des Glaubens. Hans-Urs von Balthasar - Lesebuch (Freiburg i. Br. 1980) 358.
  • 2 Dazu finden sich viele Hinweise in: W. Beinert (Hrsg.): Die Heiligen heute ehren (Freiburg i. Br. 1983) bes. 96 - 113.
  • 3 siehe dazu P. Manns (Hrsg.): Die Heiligen in ihrer Zeit (Bd 1, Mainz 2 1966) 27-39.
  • 4 K. Rahner, Die Kirche der Heiligen. Schriften zur Theologie III (Einsiedeln 1956) 111-126;hier: 114.
  • 5 R. Termolen - P. Dominik Lutz, Nothelfer - Patrone in allen Lebenslagen (Lindenberg 2 2006).
  • 6 Anselm Grün, Wunden zu Perlen verwandeln. Die 14 Nothelfer als Ikonen der Heilung
    (Münsterschwarzach 6 2006.
  • 7 G. L. Müller, Gemeinschaft und Verehrung der Heiligen. Geschichtlich-systematische Grundlegung der Hagiologie (Freiburg i. Br. 1986) 236-264.
  • 8 s. dazu Communio Sanctorum. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. Bilaterale Arbeitsgruppe der DBK und der VELKD (Paderborn/Frankfurt/M. 2000) 110-119.
  • 9 Vgl. dazu P. Dominik Lutz, Wallfahrt nach Vierzehnheiligen (Staffelstein 1989).
  • 10 J. Imbach, Der Heiligen Schein. Heiligenverehrung zwischen Frömmigkeit und Folklore (Würzburg 1999) 261-266.
  • 11 K. Hillenbrand, Jesus hat viele Namen. Verstehenshilfen und Glaubensimpulse (Würzburg 1997) 7.
  • 12 s. dazu Termolen - Lutz (Anm. 5I 15-48.
  • 13 H. Moll (Hrsg.): Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts (2. Bd, Paderborn 1999).

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