Zwei Jakobspilger entgegen dem Strom im Juni 2007
Von der lieblichen Wieskirche zum „Gegeißelten Heiland“ im herrlichen Voralpenland gelegen, bis zur wunderschönen Basilika Vierzehnheiligen im Oberfränkischen - eine Brücke schließen gleich einem Regenbogen, auf den Spuren des hl. Jakobus zu pilgern. Das wurde unsere Idee für den Urlaub 2007. So gingen wir über Monate schwanger mit den Gedanken unseren Pilgerweg von Bernbeuren/Wies nach Santiago de Compostella mit einem kleinen Umweg von 480 km zu beginnen. Nicht zuletzt auch, weil wir über unseren Freund, P. Christoph Kreitmeir, die Basilika Vierzehnheiligen lieb gewonnen hatten.
Wir gingen entgegen dem Strom, von Süd nach Nord. Nicht um einer Bitte wegen, nicht weil uns ein Schicksalsschlag getroffen hatte, nicht weil es gerade „In“ ist, nein wir gingen „Ihn“ für die LIEBE und aus DANKBARKEIT.
30 facettenreiche Ehejahre gemeistert, Höhen und Tiefen bestanden zu haben, das war uns Grund genug. Auch die Sehnsucht, der Wunsch in der Natur die Seele weiden zu lassen, Bescheidenheit zu üben und die Aufmerksamkeit dem Augenblick zu schenken. Letztlich aber: sich auf einen Glaubensstärkungsweg aufmachen zu dürfen, all diese Motivationen gaben uns den Ansporn. Und in Vierzehnheiligen wohnt ein lieber Freund, dessen Aussage „Das schafft Ihr nie“ uns zusätzlich die Sporen gab.
Unsere Route begann an der Haustüre. Danach über folgende Stationen: Wies – Bernbeuren - Bad Wörishofen – Augsburg – Donauwörth – Nürnberg – Bamberg -Vierzehnheiligen. Wir hatten keinen festen Zeitplan, nur 21 Urlaubstage, und so mussten wir uns auf Tagesetappen zwischen 20 und 30 km einstellen.
Entgegen den Strom bedeutet auch: die wegweisenden Muschelsymbole des Jakobsweges nicht zu sehen und sich durch Rückwärtsblicken auf das Vorwärts zu orientieren, an Weggabelungen zu stehen, die mehrere Richtungen aufweisen, und viele Irr- und Umwege zu gehen. Sich über Fehl- und Umwege nicht mehr zu streiten und im größtem Vertrauen zueinander eine Richtung einzuschlagen, zu pilgern und dabei zu erkennen, dass jeder Schritt, den wir im Außen taten, gleichsam unser Innerstes berührte. Dies wurde für uns eine wunderbare Erfahrung.
Voller Gottvertrauen und den Glauben an das Gute blickten wir in jeden neuen Tag. Extreme körperliche Herausforderungen führten uns durch Dick und Dünn, durch glühende Hitze, drohende Gewitter, Regengüsse, einsamste Wälder, über liebliche Hügellandschaften und auf den heißen Asphalt der großen Städte.
Kleine und große Kirchen am Weg wurden zu unserem kurzen Zuhause. Wie Perlen reihten sich die kunstvollen Gotteshäuser in die lange Kette unserer Schritte. Dort fanden wir Abkühlung und Schutz, erschöpft durften wir in der Stille ausruhen und neue Kräfte sammeln. Geborgen ließen wir uns in den Bänken nieder. Die Strapazen formten sich zu andächtigen Gebeten. Bei der Bitte um einen Stempel in unseren Pilgerausweis wurden wir in den Pfarrämtern beider Konfessionen wohlwollend aufgenommen. Wir nutzten stets die Gelegenheit an den wenigen Gottesdiensten, die uns sehr bestärkten, teilzunehmen. Sie waren die Quellen in den Oasen.
Ein Pilger schläft dort wo er erschöpft umfällt! Wir brauchten uns um ein Bett nicht zu sorgen. Die vielen helfenden Menschen am Wegesrand hatten stets einen guten Tipp für uns.
Sie waren wie Engel am Weg, die uns Flügel verliehen. Wir hörten ihre Geschichten und Schicksale und sie belohnten uns mit Gastfreundschaft, Liebenswürdigkeit und Segenswünschen. So wurden wir zu Geheimnisträgern und Erinnerern. Mit der Jakobsmuschel am Rucksack und dem hl. Jakobus im Herzen wurden wir für kurze Zeit zu Vertrauten und Mitwissern. Wir trugen die Anliegen der Menschen ein Stück des Weges mit und ließen sie im Winde über der Flur verwehen – wir gaben sie Gott.
Die Leute interessierten sich aber auch für uns, wenn wir über unseren Pilgerweg und die damit verbunden Eindrücke und Erlebnisse sprachen. Staunend und bewundernd hörten sie uns kleinen Wanderpredigern zu. Sicherlich schickte unsere Begeisterung so manchen Zuhörer auch auf den Weg.

Jetzt Wochen später: Unsere Seelen sind immer noch unterwegs. Wir lernten zufrieden zu sein, so wie es ist. Achtsamkeit, Gelassenheit und Aushalten, die Kraft, neue und weite Wege zu gehen und mit dem Wenigsten auszukommen - das waren heilsame Erfahrungen. Und wenn wir am Sonntag unter dem Regenbogen des Deckenfreskos in der Wies stehen, sagt unsere Sehnsucht: „Der Weg beginnt am Ziel.“
So werden wir uns, nachdem unsere Schuhe neu besohlt sind, wieder auf den Pilgerweg begeben. Wenn Gott will, dann stehen wir eines Tages nach 3200 km ehrfürchtig am Grabe des Apostels Jakobus. Vom Sternenmantel in Vierzehnheiligen zum Sternenfeld nach Santiago de Compostela.
Ultreia!
Schorsch und Isolde Sontheimer aus Bernbeuren











